Der Staatszirkus der DDR

Unser Bauwagen gehörte ursprünglich zum Staatszirkus der DDR.

Nach seiner Auflösung gelangte er über Karlshorst in den Oderbruch und einige Jahre später per Traktor nach Muggerkuhl in der Prignitz. Ein Grund, sich etwas näher mit der Bedeutung der Zirkusse in der DDR zu beschäftigen.


Zirkusse in der DDR

Zirkus Barlay, Berlin Friedrichstr. 1951. Foto: Illus Köhler - Bundesarchiv, Bild 183-12002-0005 / CC-BY-SA 3.0
Zirkus Barlay, Berlin Friedrichstr. 1951. Foto: Illus Köhler - Bundesarchiv, Bild 183-12002-0005 / CC-BY-SA 3.0

In der DDR galten Zirkusse als darstellende Kunst und so gab es neben dem Staatszirkus eine Reihe von Privatzirkussen. Nicht alle konnten sich frei entfalten, denn sie unterstanden der Aufsicht des Kulturministeriums.

 

Bereits 1945 fanden in der damaligen sowjetischen Besatzungszone wieder erste Zirkusvorführungen statt. Ende der 1950er Jahre wurde der politischen Führung jedoch klar, dass - wie es in einer Festschrift zum 25. Jubiläum des Zirkus hieß - die Vorzüge des Sozialismus sich so in den Zirkussen nur ungenügend ausprägen (konnten). Daher wurde Anfang der 1960 Jahre die Errichtung eines VEB Zentral-Zirkus beschlossen und die Zirkusse Aeros, Busch und Berolina unter dem Zentralzirkus zusammengefasst. Eine staatliche Fachschule für Artistik war bereits 1956 gegründet worden. Erfolgreiche Absolventen der Staatlichen Artistenschule der DDR wurden vom Staatszirkus übernommen. Die Zirkusartisten erhielten Festanstellungsverträge mit durchgehendem Gehalt, Kost und Logis waren kostenlos. Die Zirkusse verfügten über eine Betriebsküche und eine Bibliothek, es gab einen Klubwagen mit Gastronomie, einen "Badewagen" und einen Schulwagen für die Kinder der Artisten. Eine mitreisende Betriebsschwester sorgte für die medizinische Betreuung.

 

1980 wurde dem Zentral-Zirkus der Name "Staatszirkus der DDR" verliehen.

 

 

Der Besuch einer Zirkusvorführung in der DDR war ein beliebtes Freizeitvergnügen. Die Tourneen in den Großstädten im In- und Ausland waren fast immer ausverkauft. Neben dem Staatszirkus gab es für die Landbevölkerung noch mehrere Privatzirkusse, die vom Staatszirkus lizenziert wurden. 

 

Die Clowns standen dabei natürlich unter der besonderen Beobachtung der Partei, die einen neuen, "sozialistischen" Clowntypus forderte – einen Clown, der belehren sollte. Bei der neuen Clowngeneration, die nach 1980 auftrat, stieß sie dabei allerdings selten auf volle Zustimmung.

 

Der Staatszirkus gastierte in zahlreichen Ländern: zwischen 1971 und 1984 gab es 231 Darbietungen in sozialistischen Ländern und 372 Darbietungen in nichtsozialistischen Ländern.

 

Für die Unterbringung der Tiere im Winter und als technischer Betriebsteil wurde in Dahlwitz-Hoppegarten bei Berlin ab 1963 ein Winterquartier errichtet. Auf einem mehr als 11 Hektar großen Grundstück gab es Stallungen und Manegen, Werkstätten, eine Küche mit Speisesaal und zwei Wohnheime für 270 Personen. Tausende von Besuchern kamen jedes Jahr zum Tag der Offenen Tür.

 

Darüber hinaus verfügte der Staatszirkus über sieben Fahrgeschäfte als selbständige Betriebsteile, darunter Achterbahnen, den Babyflug für die Kinder, Twister und Gespensterbahn. Zu Hochzeiten beschäftigte der Staatszirkus hunderte von Mitarbeitern und hatte einen Tierbestand von über 250 Tieren. Der Fahrzeugpark umfasste fast 600 Fahrzeuge. Pro Saison machte er Halt in rund 50 Städte.

 

Zum 35. Jahrestag der DDR soll übrigens am Winterquartier in Hoppegarten ein Spruchband mit der Aufschrift "35 Jahre DDR - 35 Jahre Zirkus" gehangen haben, dessen unbeabsichtigte Komik für einige Erheiterungen sorgte.

Übernachten im Bauwagen
Fernsehturm, Berlin. Foto: Maria Teneva, unsplash.com

1990 wurde der Staatszirkus als Wirtschaftsunternehmen der Treuhand unterstellt und privatisiert. Die Besucherzahlen brachen ein. Wenige Jahre später wurde der Betrieb liquidiert und die Tiere wurden verkauft.

Einige Zirkuswagen übernahm der Berliner Kinderzirkus Cabuwazi, der größte Kinderzirkus Europas.

 

 

 

Heute gibt es auf dem Gelände des Winterquartiers des Staatszirkus an der B1 in Hoppegarten das Hogarts Circus Caffee - eingerichtet ganz im Stil der 1960er Jahre.

 

Und die Besucher sind laut Bewertungen in den sozialen Medien "schockverliebt in die Aufmachung".

 

Fr-So 9-17h

 

z.Zt. geschlossen

60 Jahre Staatszirkus der DDR


Informationen entnommen aus: www.mdr.de/zeitreise/stoebern/damals/artikel95194.html

Weitere ausführliche Information in "Zeitreisen" des MDR hier.

Artisten, Tiere, Funktionäre - eine Bildergalerie des rbb.

In der FAZ "Der abgewickelte Traum" - über einen Dompteur des Staatszirkus (2013).

Zur Partei und den Clowns ein Artikel beim MDR.

Weitere Infos im Archiv des Staatszirkus, sowie im Zirkusarchiv von Dietmar Winkler.

Das Stadtmuseum Berlin verfügt über eine Sammlung Varieté, Zirkus, Kabarett mit Objekten vom 19. Jh. bis heute und ein Zirkusmodell aus den 1930er Jahren.

Literatur:

Dietmar Winkler: Zirkus in der DDR - Im Spagat zwischen Nische und Weltgeltung, Schwarzdruck (oder antiquarisch)

Rezension hier

Dietmar Winkler: Wie beerdigt man einen Zirkus